Gewaltopfer haben heute weniger Rechte – DIE ZEIT spielt mit

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Warum ich mein Zeit-Abo kündigen muss

Sehr geehrter Herr Giovanni di Lorenzo,
Chefredakteur der ZEIT,

seit Jahren senden Sie mir wöchentlich per E-Mail Ihre Ankündigung der ZEIT-Ausgabe. Ich lese diese gelegentlich, oft auch mit Interesse. Die inhaltliche und personelle Ausrichtung in der Chefredaktion der ZEIT veranlassen mich jetzt allerdings, das Abonnement der Wochenzeitung DIE ZEIT zu kündigen.

Der Hintergrund: Menschen in Deutschland, die traumatisierenden, vor allem sexuellen, Gewalterfahrungen ausgesetzt sind, können seit vielen Jahren immer weniger damit rechnen, einer Justiz zu begegnen, die diese Erfahrungen ernst nimmt. Gänzlich unerträglich dabei empfinde ich es, wenn so große Wochenzeitungen wie DIE ZEIT dabei nicht unerhebliche unkritische Unterstützung leisten.

Ich habe die ehemalige Bild-Journalistin und heutige stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT, Sabine Rückert, bereits vor Monaten in einer Diskussionssendung im Fernsehen erlebt, da wusste ich noch nicht, dass sie der Chefredaktion der ZEIT angehört. Eine ARD-Dokumentation, ein Artikel in der EMMA von Chantal Louis (Besonders feine Kreise, Nov/Dez 2017, S.37), Erlebnisse im persönlichen Umfeld, haben mir vor Augen geführt, welch unverantwortliche Rolle durch undifferenzierten affirmativen Journalismus die Chefredaktion der ZEIT dabei spielt.

Seit nun bald 20 Jahren, euphorisch unterstützt durch Sabine Rückert, treibt das Gespann Johann Schwenn als Strafverteidiger und der Psychiater Max Steller ihr Unwesen in Deutschland und trägt bei zu einer erheblichen Verschlechterung der Situation für viele Opfer sexueller Gewalt.

Nur noch jede zwölfte angezeigte Vergewaltigung endet mit einer Verurteilung, in manchen Bundesländern gar nur jede 25.

Das Einwirken der Herren Schwenn/Steller auf die deutsche Justiz in den letzten 20 Jahren haben dazu geführt, dass die Zahl der Gutachten, die die Glaubhaftigkeit einer Aussage als „nicht gegeben“ betrachten, rasant gestiegen ist – und zwar von 18 auf 46 Prozent. Galt vorher nur knapp jedes fünfte mutmaßliche Opfer als unglaubwürdig, glaubt man inzwischen jedem zweiten nicht. Vor dem BGH-Urteil, das auf Stellers Empfehlungen beruht, endeten zwei Drittel der Verfahren mit einer Verurteilung, nach dem Urteil waren es nur noch ein Drittel.

Schwenn ist sich mit dem Psychiater Max Steller einig: “Sexuellen Missbrauch vergisst man nicht.” Traumatologen redeten Unsinn, wenn sie “behaupten, es gäbe so was wie fragmentarisches Erinnern an ein Trauma oder gar vollständige Verdrängung”. Und ganz wie Gutachter Steller, hält auch Strafverteidiger Schwenn nichts, aber
auch gar nichts von der Psychotraumatologie. Der Jurist Schwenn behauptet schlichtweg: „Die Psychotraumatologie ist keine Wissenschaft!“ (EMMA)

Dass die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert mit dem Psychiater Staller gemeinsam ein Buch herausbringt “Unrecht im Namen des Volkes”, in dem Täterschutz im Mittelpunkt steht, ist eine Sache. Dass Sabine Rückert als Mitglied der Chefredaktion in der ZEIT über Schwenn wie Steller begeisterte Pamphlete verfasst und diese bejubelt mit Sätzen, wie: „Da, wo Schwenn gerade steht, ist das Recht“ (EMMA), ist mit kritischem, aufgeklärtem, differenzierendem Journalismus nicht vereinbar.

Viele Journalistinnen und Journalisten der ZEIT schreiben differenziert und verfassen gut recherchierte Hintergrundartikel. Aber eine Zeitung, die eine solche Pamphletistin in der Chefredaktion duldet, kann ich nicht durch ein Abonnement unterstützen.

Sie können mir gerne mitteilen, wenn der aktuelle Forschungsstand auch inhaltlich und personell bei der ZEIT angekommen ist. Die Aussagepsychologie ist international schon lange, aber auch in Deutschland schon längst nicht mehr unangefochten. Die Psycho-Traumatologie hat sich mit ihren Erkenntnissen auch hierzulande längst wissenschaftlich etabliert.

Bis dahin muss die ZEIT ohne mich als Abonnenten auskommen.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Bucka

Quellen u.a.: ARD-Dokumentation von 18.5.2018, 20.15 Uhr, vergewaltigt – wir zeigen an / Chantal Louis in: EMMA, Besonders feine Kreise, Nov/Dez 2017, S.35f

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