Wenn selbst WELT und Handelsblatt von „peinlicher Niederlage“ und „konzeptioneller Memmenhaftigkeit“ sprechen, bekommt die CDU ihr Zeugnis aus dem eigenen Lager ausgestellt.
Kein souveräner Kandidat
In der Presseschau des Deutschlandfunks zur Landtagswahl in Baden-Württemberg fällt eines besonders auf: Die härteste Kritik an Manuel Hagel und der CDU kommt nicht aus linken oder liberalen Medien, sondern aus wirtschaftsnahen, konservativen Blättern wie Handelsblatt und WELT. Beide attestieren der CDU eine Niederlage, die im Kern selbst verschuldet ist – und sie tun das in einer Sprache, die man eher aus Social-Media-Kommentaren als aus etablierten Leitmedien erwarten würde. [deutschlandfunk]
Das Handelsblatt zeichnet das Bild eines Kandidaten, dem die Situation entgleitet. Hagel habe lange „unter der Wahrnehmungsschwelle“ Wahlkampf gemacht und sei dann in der heißen Phase „hektisch“ geworden. In dieser Nervosität griff er Wahlsieger Cem Özdemir frontal an und nannte ihn „rotzfrech“ und „nicht ehrlich“. So spreche „kein souveräner Kandidat“ für das höchste Amt in einem Bundesland, sondern ein Politiker, der spürt, dass ihm „das Rennen entgleitet“. Schon diese Wortwahl – unsouverän, hektisch, rotzfrech – markiert eine Distanzierung, die man vom Handelsblatt gegenüber einem CDU-Spitzenkandidaten lange nicht gesehen hat.[deutschlandfunk]
Keiner will von Lappen regiert werden
Noch deutlicher wird die WELT. Sie spricht von einer „peinlichen Niederlage“, „zu hundert Prozent selbst verschuldet“. Besonders interessant ist die Begründung für die Diagnose „konzeptionelle Memmenhaftigkeit“: Gemeint ist nicht ein zu radikaler Kurs, sondern genau das Gegenteil – auf dem Parteitag der Union in Stuttgart sei „bloß kein einziges strittiges Thema“ angesprochen worden, aus Angst vor Konflikten. Demokratie, so die WELT, lebe aber vom Streit, und „wer nicht streiten kann oder will, schreckt Wähler ab“. Die zugespitzte Schlussformel „Niemand will von Lappen regiert werden“ bringt diese Diagnose auf den Punkt.
Gerade weil diese Sätze aus der Feder konservativer Medien stammen, sind sie politisch so brisant. Handelsblatt und WELT werfen Hagel und der CDU nicht mangelnde Geschlossenheit vor, sondern die Weigerung, Konflikte offen auszutragen, Positionen zu klären und sich in der Auseinandersetzung zu bewähren. Streit wird hier ausdrücklich als Wesenskern der Demokratie verteidigt – und die Konfliktvermeidung als Schwäche gebrandmarkt. Wer meint, man könne Wahlen gewinnen, indem man möglichst niemandem weh tut und jeden Streit vermeidet, bekommt ausgerechnet von konservativer Seite attestiert: Das ist memmenhaft – und führt direkt in die Niederlage.
Man kann diese Kommentare als Momentaufnahme einer angeschlagenen CDU lesen. Sie verweisen aber zugleich auf ein tieferes Problem: Eine Partei, die vor strittigen Themen zurückschreckt, läuft Gefahr, sich selbst überflüssig zu machen. Wenn selbst konservative Feuilletons inzwischen argumentieren, dass Demokratie Streit braucht und dass „Lappen“ nicht gewählt werden, ist das mehr als nur ein böser Spruch. Es ist eine Einladung, Politik wieder als konfliktreiche Auseinandersetzung um Richtungen zu begreifen – und nicht als PR-Management, das jede Kontroverse wegmoderieren will.
Zusammengefasst
Spannend an der Baden-Württemberg-Wahl: Die härteste Kritik an Manuel Hagel kommt nicht von „links“, sondern ausgerechnet von Handelsblatt und WELT. [deutschlandfunk]
Das Handelsblatt beschreibt ihn als „hektisch“, „rotzfrech“ und „kein souveräner Kandidat“, dem „das Rennen entgleitet“ – eine Niederlage, die sich die CDU im Südwesten selbst eingebrockt hat.
Die WELT geht noch weiter: „peinliche Niederlage“, „zu hundert Prozent selbst verschuldet“ und der Vorwurf „konzeptioneller Memmenhaftigkeit“, weil auf dem Parteitag in Stuttgart „bloß kein einziges strittiges Thema“ angesprochen wurde.
Ausgerechnet die konservative WELT erinnert daran, dass Demokratie vom Streit lebt – und warnt: „Wer nicht streiten kann oder will, schreckt Wähler ab. Niemand will von Lappen regiert werden.“
Wenn selbst solche Medien Konfliktvermeidung als Problem benennen, sagt das viel über den Zustand der CDU – und über den Wert offener politischer Auseinandersetzung.