Wenn Schüler für ihre KI-Hausaufgaben plötzlich den Ausweis zücken müssen

Wenn Schüler für ihre KI-Hausaufgaben plötzlich den Ausweis zücken müssen

Eltern seid wachsam: Auch hier steht Peter Thiel mit Palantir vor der Tür

Ein Hinweis aus meinem Bekanntenkreis hat mich diese Woche aufhorchen lassen: Ein IT-affiner Vater berichtete, dass seine Tochter beim Einloggen in Claude, das KI-Sprachmodell des US-Unternehmens Anthropic, plötzlich zur Ausweisverifizierung aufgefordert wurde. Claude wird an vielen Schulen längst ganz selbstverständlich für Hausaufgaben, Referate und zum Üben genutzt. Was auf den ersten Blick nach einer harmlosen Alterskontrolle aussieht, hat einen politisch brisanten Hintergrund, den heise online aufgedeckt hat.

Was sich ändert

Anthropic verlangt inzwischen in bestimmten Fällen die Vorlage eines amtlichen Lichtbildausweises – Pass, Personalausweis oder Führerschein – plus ein Live-Selfie, um Claude weiter nutzen zu können. Ausgelöst wird die Prüfung unter anderem, wenn das System einen minderjährigen Nutzer vermutet, bei wiederholten Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen oder bei Zugriffen aus bestimmten Ländern. Für die technische Umsetzung hat sich Anthropic einen externen Dienstleister ins Boot geholt: Persona Identities.

Die eigentliche Brisanz: Peter Thiel und Palantir

Genau hier wird es politisch heikel. Persona Identities wird maßgeblich vom Founders Fund finanziert – dem Investmentvehikel von Peter Thiel, Palantir-Mitgründer und einer der einflussreichsten Financiers der Trump-nahen Tech-Szene. Palantir selbst zählt FBI, CIA und die US-Einwanderungsbehörde ICE zu seinen Kunden und liefert Technologie, die staatliche Überwachung mit Gesichtserkennung und KI ausbaut, wie unter anderem der Branchendienst MediaNama berichtet. Anthropic bewegt sich mit dieser Kooperation faktisch in Richtung des Ökosystems, das die US-Regierung unter Trump für ihre Überwachungsinfrastruktur nutzt.

Verschärft wird das Bild durch einen Sicherheitsfund vom Februar: Forscher entdeckten, dass die Frontend-Software von Persona auf einem für US-Behörden autorisierten Server offen zugänglich war. Aus den dabei sichtbaren Quelldateien ging hervor, dass die Plattform unter anderem Gesichtserkennungs-Abgleiche gegen Sanktionslisten durchführt, Nutzer auf „adverse media“ screent und Risikobewertungen erstellt – Funktionen, die deutlich über eine simple Altersprüfung hinausgehen.

Der entscheidende Unterschied: Anthropic löscht die Daten nicht mehr sofort

Bislang war es bei vergleichbaren Verifizierungsverfahren – auch bei anderen Anbietern wie OpenAI, die ebenfalls mit Persona arbeiten – üblich, dass die erhobenen Identitätsdaten nach der Prüfung zeitnah gelöscht werden. Anthropic weicht davon ab: Die zur Altersverifikation erfassten Daten werden gespeichert, eine unmittelbare Löschung findet nicht mehr statt, wie heise berichtet. Wie lange die Daten konkret vorgehalten werden, legt Anthropic nicht offen.

Diese Speicherpraxis ist der eigentliche Knackpunkt. Sobald Identitätsdaten – Ausweiskopie, Selfie, biometrische Merkmale – nicht mehr sofort gelöscht werden, entsteht ein Datenbestand, der im Ernstfall auch behördlichem Zugriff unterliegen kann. Bei einem US-Unternehmen mit einem Dienstleister aus dem Thiel/Palantir-Umfeld ist die Sorge naheliegend, dass die US-Regierung diese Daten per Anordnung – etwa im Rahmen von Ermittlungen, Einwanderungskontrollen oder sicherheitspolitischen Programmen – herausfordern könnte. Das wäre ein erheblicher Unterschied zu einer Löschung direkt nach der Prüfung, bei der ein solcher Datenbestand gar nicht erst entsteht.

Warum das für Schulen relevant ist

Claude ist in Bildungskontexten weit verbreitet, auch über das eigene „Claude for Education“-Angebot des Unternehmens. Wenn Minderjährige verpflichtet werden, für die Nutzung eines schulisch eingesetzten KI-Tools ihren Ausweis und ein biometrisches Selfie an einen US-Dienstleister zu übermitteln, der wirtschaftlich mit einem Überwachungskonzern verflochten ist, ist das kein triviales Datenschutzdetail. Es geht um die Identitätsdaten von Kindern und Jugendlichen, die bei einem Unternehmen landen, dessen Eigentümerstruktur eng mit der US-Sicherheitsbehörden-Infrastruktur verbunden ist – und das die Daten anders als früher nicht mehr zügig löscht.

Schulen, Eltern und Datenschutzbeauftragte sollten sich fragen, ob der Einsatz von Claude im Unterricht unter diesen neuen Bedingungen noch verantwortbar ist, oder ob es dringend eine informierte Entscheidung braucht – inklusive der Prüfung datenschutzfreundlicherer Alternativen und einer klaren Kommunikation an Eltern, bevor ihre Kinder aufgefordert werden, ihren Ausweis in ein US-System hochzuladen, das faktisch im Dunstkreis von Palantir und Peter Thiel angesiedelt ist.

Quellen:

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