Digitale Souveränität an Schulen – Ist F13 eine KI-Alternative?

Digitale Souveränität an Schulen – Ist F13 eine KI-Alternative?

Nachdem bekannt wurde, dass Anthropic für die Nutzung von Claude künftig einen amtlichen Ausweis samt Selfie verlangen kann – verifiziert über einen von Peter Thiel mitfinanzierten Dienstleister, der die Daten anders als früher üblich nicht mehr sofort löscht – stellt sich für Schulen eine naheliegende Frage: Gibt es bessere, unabhängigere Alternativen? Baden-Württemberg gilt hier oft als Vorbild, mit dem landeseigenen KI-System F13. Ein genauerer Blick zeigt ein differenziertes Bild – teils besser als erhofft, teils ernüchternder.

Was an F13 tatsächlich stimmt

F13 ist in wesentlichen Punkten genau das, was man sich unter einer souveränen Alternative vorstellt. Die Anwendung wurde vom landeseigenen Innovationslabor (InnoLab_bw) gemeinsam mit dem Heidelberger Unternehmen Aleph Alpha entwickelt und läuft technisch auf Infrastruktur der landeseigenen IT-Dienstleisterin BITBW – nicht bei einem US-Hyperscaler. Seit Juli 2025 ist F13 vollständig quelloffen und auf der Plattform openCode öffentlich einsehbar, wie das Land Baden-Württemberg selbst mitteilt. Die Anwendung ist modellagnostisch – das Sprachmodell im Hintergrund ist also austauschbar und nicht fest mit der Software verbunden, ähnlich wie ein Browser, der unabhängig vom Betriebssystem funktioniert – und kann mit offenen Open-Source-Sprachmodellen wie Mistral oder Aleph Alphas Luminous betrieben werden, wie aus einer Landtags-Drucksache hervorgeht. Das ist ein echtes, vorzeigbares Beispiel digitaler Souveränität – ganz ohne Ausweiskontrolle, ganz ohne Palantir-Connection.

Die Einschränkung: F13 erreicht kaum Schülerinnen und Schüler

Hier wird die vermeintlich klare Alternative unpräzise. F13 in der Digitalen Bildungsplattform SCHULE@BW steht bislang ausschließlich Lehrkräften zur Verfügung – rund 80.000 von ihnen haben Zugriff, wie das Kultusministerium erklärt. Schülerinnen und Schüler sehen die F13-Kachel im Dashboard gar nicht erst; das bestätigt auch das offizielle Erklärvideo des Landes. Für Hausaufgaben ist F13 also aktuell gar kein Werkzeug – es unterstützt Lehrkräfte bei Unterrichtsvorbereitung und Textzusammenfassungen, nicht Kinder beim Lernen zuhause.

Was Schülerinnen und Schüler tatsächlich nutzen

Das Werkzeug, das in Baden-Württemberg auch bei Schülerinnen und Schülern ankommt, heißt AIS.chat, ein ländergemeinsames Projekt aller 16 Bundesländer unter Federführung des FWU. Der Name war bis Mai 2026 zunächst „telli“, musste aber aus markenrechtlichen Gründen zum 20. Mai 2026 vollständig umbenannt werden – die Nutzungserlaubnis für die alte Marke lief aus, wie mehrere Schulverwaltungen ihre Kollegien informierten. Und hier liegt der entscheidende Haken: AIS.chat ist zwar datenschutzkonform und läuft technisch auf EU-Servern – basiert aber auf denselben kommerziellen US-Sprachmodellen wie ChatGPT. Laut der offiziellen AIS.chat-FAQ stehen unter anderem GPT-5, GPT-5 mini und GPT-5.5 von OpenAI sowie Llama-Modelle von Meta zur Auswahl. Die Hessenschau brachte es bereits unter dem früheren Namen auf den Punkt: Der Chatbot nutze „unter anderem eine kleinere Variante von GPT-5, der KI, die bei ChatGPT zum Einsatz kommt“. Auch Baden-Württembergs eigenes Pilotprojekt fAIrChat, das Schülerinnen und Schülern testweise KI-Zugang ermöglichte, war laut offizieller Pressemitteilung des Landes explizit eine Schnittstelle zum GPT-Modell von OpenAI.

Herkunft ist nicht dasselbe wie Betrieb

Bevor man AIS.chat allein wegen der verwendeten GPT- und Llama-Modelle als abhängig von US-Konzernen abtut, lohnt sich eine genauere Unterscheidung, die in der Debatte häufig verloren geht: Die Herkunft eines KI-Modells ist nicht dasselbe wie die Frage, wer es tatsächlich betreibt. „Da steckt ein Llama-Modell unter der Haube“ bedeutet eben nicht automatisch „das betreibt Meta“. Open-Source-Modelle – egal ob ursprünglich von Meta oder OpenAI veröffentlicht – lassen sich, weil ihre Gewichte frei verfügbar sind, auch vollständig eigenverantwortlich auf eigener oder europäischer Infrastruktur betreiben, ganz ohne dass eine einzige Anfrage jemals einen US-Konzern-Server erreicht. Genau dieser Unterschied entscheidet darüber, ob ein Modell für die digitale Souveränität tatsächlich unproblematisch ist oder eben doch ein Abhängigkeitsrisiko bleibt – und er wird bei AIS.chat bislang nicht transparent gemacht.

Wie ein vollständig selbst betriebener Umgang mit denselben offenen Modellen aussehen kann, zeigt die Göttinger Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung (GWDG) mit ihrem Hochschuldienst Chat AI: Open-Weight-Modelle wie Metas Llama laufen dort vollständig auf eigener Hochschul-Hardware in Göttingen, Nutzereingaben werden nicht gespeichert und nicht an Meta übermittelt, wie die technische Dokumentation der GWDG bestätigt. Nur die zusätzlich angebotenen kommerziellen Modelle wie GPT-5 laufen über externe Anbieter – die selbst gehosteten Open-Source-Modelle ausdrücklich nicht. Damit ist belegt: Ein Llama-Modell kann in der Praxis genauso souverän betrieben werden wie ein europäisches Eigenprodukt – es kommt auf den Betreiber an, nicht auf das Etikett des Herstellers.

Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil des eigentlichen Trainings ohnehin längst in Europa stattfindet, was die ursprüngliche US-Herkunft weiter relativiert. Das deutsche Unternehmen VAGO Solutions veröffentlicht seit rund zwei Jahren eigene Weiterentwicklungen von Llama- und Mistral-Basismodellen unter dem Namen SauerkrautLM – etwa Llama-3-SauerkrautLM, das in deutschen Sprachbenchmarks zeitweise sogar Metas eigenes Basismodell übertraf. Diese „veredelten“ Modelle liefen an mehreren deutschen Hochschulen – darunter Göttingen, TU Berlin und Rostock – produktiv im Einsatz, bevor sie zuletzt zunehmend von neueren europäischen Modellen wie Mistrals Codestral abgelöst wurden. Auch das zeigt: Die Trennlinie zwischen „europäisch“ und „US-amerikanisch“ verläuft bei KI-Modellen längst nicht mehr so eindeutig, wie es der Name des ursprünglichen Herstellers vermuten lässt.

Für die Einordnung von AIS.chat bedeutet das: Die entscheidende offene Frage ist nicht, von wem das Basismodell ursprünglich stammt, sondern wo die Rechenzentren stehen, die die Anfragen der Schülerinnen und Schüler tatsächlich verarbeiten. Die AIS.chat-FAQ nennt zwar die verfügbaren Modelle, macht aber keine transparente Angabe darüber, ob die Llama-Modelle dort selbst gehostet werden oder über Metas eigene Infrastruktur laufen. Genau diese Angabe müssten die Kultusministerien der Länder nachliefern, damit sich die Souveränitätsfrage seriös beantworten lässt.

Warum diese Unterscheidung wichtig ist

Das heißt nicht, dass der baden-württembergische Ansatz wertlos wäre – im Gegenteil: EU-Hosting, ein vertraglicher Ausschluss der Trainingsnutzung von Eingaben und der Verzicht auf jegliche biometrische Ausweiskontrolle sind ein erheblicher Unterschied zur Praxis von Anthropic. Kein Schüler muss bei AIS.chat oder F13 seinen Ausweis und ein Selfie an einen von Peter Thiel mitfinanzierten Dienstleister schicken. Das ist ein echter, schützenswerter Unterschied.

Aber „EU-gehostet und datenschutzkonform“ ist nicht dasselbe wie „unabhängig von US-Tech-Konzernen“. Unter der schützenden Hülle der Landeslösung arbeitet in vielen Fällen weiterhin genau die Technologie von OpenAI und Meta – nur eingebettet in einen Vertrag, der die Datenverarbeitung in Europa hält. Das reduziert das Risiko einer behördlichen Datenherausgabe erheblich, macht Schulen aber weiterhin abhängig von den Produktentscheidungen, Preismodellen und Lizenzbedingungen amerikanischer Konzerne. Genuin unabhängig – im Sinne europäischer Modelle wie Aleph Alphas Luminous oder Mistral – ist bislang vor allem F13, und das primär für Lehrkräfte, nicht für Kinder.

Fazit

Baden-Württemberg geht einen bemerkenswert anderen, in mancher Hinsicht besseren Weg als Anthropic mit seiner Ausweispflicht. Doch die vollständige digitale Souveränität gilt bislang nur für einen Teilbereich – und genau dort, wo Kinder tatsächlich mit KI arbeiten, stecken weiterhin GPT- und Llama-Modelle unter der Haube. Ob das ein Problem ist, hängt entscheidend davon ab, wer diese Modelle betreibt und wo die Daten verarbeitet werden – Beispiele wie das selbst gehostete Chat AI der GWDG zeigen, dass Open-Source-Modelle auch vollständig europäisch und ohne Umweg über US-Server laufen können. Der konsequente nächste Schritt wäre daher doppelt: den F13-Ansatz auch für Schülerinnen und Schüler auszubauen – und bei AIS.chat transparent offenzulegen, ob und wo die eingesetzten Llama-Modelle tatsächlich eigenverantwortlich gehostet werden, statt sich allein auf die EU-gehostete Zwischenschicht bei kommerziellen US-Anbietern zu verlassen.

Quellen:

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